Buchkritik:Barrayar-Zyklus

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Von Luis McMaster Bujold.

Der Barrayar-Zyklus bestehend aus folgenden bisher in Deutschland erschienenen Einzeltiteln:

  • Scherben der Ehre
  • Barrayar (Hugo Award!)
  • Der Kadett (Hugo Award!)
  • Der Prinz und der Söldner
  • Ethan von Athos
  • Grenzen der Unendlichkeit
  • Waffenbrüder
  • Spiegeltanz (Hugo Award!)
  • Cetaganda
  • Viren des Vergessens


Inhaltsverzeichnis

Das Kaiserreich:

Barrayar ist eine alte Kolonie der Erde, die über Jahrhunderte hinweg vom Rest der von den Menschen bevölkerten Galaxis abgeschnitten war, nachdem das einzige Sprungloch, das zu Barrayar führte, kollabierte. Barrayar war daraufhin in das tiefste Mittelalter zurückgefallen. Erst vor wenigen Jahrzehnten öffnete sich das Sprungloch wieder und Barrayar war über Kormar, die Welt jenseits ihres Sprungloches wieder mit den von Menschen besiedelten Weltraum verbunden.

Doch die Freude sollte nicht lange währen. Die Cetagandaner, eine deutlich an alte japanische Traditionen orientierte Kultur, starteten eine erfolgreiche Invasion um Barrayar ihrer Hegemonie einzuverleiben. Nach Jahrzehnten erbitterten Wiederstandes und eines blutigen Guerillakrieges gegen die technisch überlegenen Cetagandaner konnte Barrayar seine Unabhängigkeit zurück erlangen. Wenige Jahre später schickte Barrayar seine Invasions-truppen aus. Sie besetzten Kormar, die Welt jenseits des Sprungloches, auf dass Barrayar nie wieder militärisch durch Cetaganda bedroht werden konnte. Kormar wiederum verfügt über vier Sprungpunkte, was Kormar zu einem wichtigen Knotenpunkt im Inter-galaktischen Handel macht. Barrayar wurde zu einem der einflußreichsten "Galactic Player". Die inzwischen neu erworbene bzw. selbst entwickelte Hochtechnologie steht jedoch immer noch im krassen Widerspruch zu den teils barbarischen Sitten auf Barrayar.

Die Sache mit Admiral Naismith:

Dies ist die politische Situation, vor deren Hintergrund die Geschichte von Miles Vorkosigan spielt: Miles ist der Sohn des wichtigsten Führers nach dem Kaiser und somit potentieller Thronfolger. Aufgrund eines Giftanschlages auf seine Mutter während diese mit ihm schwanger war (spielt in "Barrayar") ist er schwer missgebildet. Die durch seine Missbildungen entstehenden Schwierigkeiten und Probleme ziehen sich durch den gesamten Romanzyklus und machen aus Miles eine einzigartig charakterisierte Figur, dessen Schwächen ihn um so liebenswerter und menschlicher machen.

Die Geschichte von Miles beginnt in "Der Kadett". Aufgrund seiner schwäch-lichen Zwergengestalt ist er für das militaristische Barrayar, in der körper-liche Wehrtüchtigkeit mehr als alles andere zählt, nutzlos. Miles versagt bei der Prüfung zum Offizierspatent. Damit beginnen seine Abenteuer. Er kommt auf die Idee, Waffen in ein Kriegsgebiet zu schmuggeln, um schnell Geld zu verdienen. Um dies zu bewerkstelligen erfindet er für sich die Identität des "Admiral Naismith", einer Rolle, die er nie wieder los werden wird. Ehe er sich versieht, läuft ihm dann auch noch eine heruntergekommene Söldnertruppe zu, die er adoptiert. Selbstverständlich wol-len die auch bezahlt werden! Mit dem Waffenschmuggel klappt das dann auch nicht so recht... - und das alles passiert eigentlich eher aus Zufall als aus Absicht.

Aber Miles schafft es durch Intelligenz und Einfallsreichtum sich aus den unmöglichsten Situationen zu retten. In "Waffenbrüder" trifft Miles/Naismith auf Mark. Dieser ist Miles Klon-Zwilling. Er wurde von einer Widerstandsbewegung gezüchtet und als Attentäter ausgebildet. Dank Miles Hilfe konnte er ihnen entkommen und bemüht sich nun um Selbstfindung.

Der Spiegeltanz!

Jahre später. Lord Miles Vorkosigan/ sein alter Ego Admiral Naismith haben inzwischen eine ausgesprochen facettenreiche Entwicklung hinter sich, in deren Verlauf Miles/Naismith eine erstaunliche Reife erlangen. Naismiths Ruf in der Galaxis ist inzwischen legendär und niemand ahnt, dass die von ihm geführten Dendarii-Söldner inzwi-schen eine inoffizielle Eingreiftruppe des Barrayanischen Kaiserreiches sind. Mark versucht, 50 Klone von dem Planeten zu befreien, auf dem er einst selbst gezüchtet wurde. Die betreffenden Klone haben aber eine andere Zukunft als er: Sie werden als Körperspender für die Gehirntransplantationen reicher Leute bereitgehalten. Deshalb versucht Mark sie zu retten, aber auch, um sich und der Welt zu beweisen, dass er mehr ist als nur der Klon von Miles. Mark schleicht sich in die Dendarii-Flotte ein, indem er sich als Miles alter Ego "Admiral Naismith" ausgibt und kapert deren schnellstes Schiff.

Im Laufe der Aktion erfährt Mark sehr viel über das Privatleben von Miles/Naismith, mit welchen einzig-artigen Frauen dieser das Bett teilt, wie er auf seine Söldner wirkt, die ihn geradezu verehren, welche unglaubliche Energie Miles antreibt... Fast keine der Erfahrungen mit dieser Facette von Miles entspricht seinen Erwartungen und das erschüttert sein angeknackstes Selbstwertgefühl abermals erheblich.

Die Operation endet in einem Fiasko. Miles, der bei seiner Rückkehr zur Flotte inzwischen mitbekommen hat, was Mark da angestellt hat, eilt herbei, um die gefangenen Söldner, Mark und die Klone herauszuholen. Bei dem sich entwickelnden Gefecht wird er erschossen. Seine sterblichen Überreste werden zur späteren Reanimation in eine Kryo-Kammer geschoben. Leider geht besagte Kammer beim etwas überstürzten Start verloren. Als man sie später schließlich wieder aufstöbert, ist sie leer.

Es geht im Buch allerdings nicht so sehr um die Suche nach Miles' Leiche oder der Kammer, sondern in einer vielschichtigen Handlung um die Art und Weise, wie sich Mark entwickelt und seiner Akzeptanz in der Gesellschaft. Sehr eindringlich schildert Bujold dabei vor allem die innere Zerrissenheit Marks, der missbraucht und gedemütigt wird.

Das Buch hat einige überraschende Wendungen für den Leser parat, die sich meist auf plötzlich enthüllte neue Facetten im Charakter der Personen beziehen. Auch spielen die komplizierten Beziehungen von Miles und Mark zu den Frauen eine große Rolle. Bujold widmet den verschiedenen Frauengestalten in ihrem Buch wieder große Aufmerksamkeit. Sie sind nicht nur Staffage sondern unverzichtbare, belebende Elemente. Es gibt aber auch ein paar Kämpfe, diverse Folterungen und andere Unappetitlichkeiten.

Allgemeines:

Einzigartig für den Zyklus ist der sich immer weiter entwickelnde Roman-Charakter Miles, der von Band zu Band eine zunehmende geistige Reife erlangt und in bestimmten Lebensabschnitten eine neue, glaubhafte Persönlichkeit entwickelt. Ganz so wie das ja auch im richtigen Leben vorkommen soll(te).

Dabei kommt bei Bujold der Humor niemals zu kurz und Miles ist beileibe nicht die einzige fesselnde Gestalt dieser Serie. Anzumerken ist noch, dass "Spiegeltanz" 1995 den Hugo Award, also den "Oskar" der SF-Literatur bekommen hat. Und nicht nur das... Für die Serie Barrayar hat Bujold inzwischen vier mal diesen begehrtesten Preis unter allen SF-Preisen einge-sammelt. Drei mal für einen Roman und einmal für eine (sehr bittere) Kurzgeschichte.

Last but not least...

Obwohl SPIEGELTANZ einer Serie zuzuordnen ist, kann man den Roman auch sehr gut als Einzellektüre empfehlen.


Holger

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