Drachengeschichten

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"Schreib doch mal bitte was über Drachen…"

Mit ungefähr diesen Worten bin ich gebeten worden, einen Beitrag zum nächsten Kobold zu leisten und seitdem denke ich darüber nach, was es über Drachen zu sagen und zu schreiben gibt.


Drachen gibt es eigentlich in jedem Rollenspiel und allen Fantasy-Elementen, und häufig spielen sie eine bedeutende Rolle. Als mächtige Gegner oder Verbündete sitzen sie in dunklen Höhlen oder in Feuerbergen auf unglaublich großen Goldschätzen und wachen gierig über unermessliche Reichtümer, jederzeit bereit ihren Hort gegen wagemutige Eindringlinge mit einem einzigen vernichtenden Atemstoß zu verteidigen. Ihr Verderben bringender Odem ist eine Fähigkeit, die meines Wissens nach alle Drachen miteinander teilen. Die weitaus meisten Drachen speien Feuer, aber es gibt auch Drachen, die Säure speien - wenn auch deutlich seltener. Wirklich exotisch sind allerdings Drachen, die Chlorgas, Blitze oder Atem von extremer Kälte speien.

Meine erste Erfahrung von Charakter zu Drache war ein Angriff auf einen Drachen, der seit einiger Zeit die Bewohner eines Waldes terrorisierte. Wir stürmten also mutig voran und hatten den Drachen schon fast erreicht, als er sein Maul öffnete und Chlorgas spie. Von diesem Augenblick an trennte nur noch ein haarfeiner Spalt meinen Charakter vom nahen Tod. Und obwohl es damals unseren Charakteren noch gelang, den Drachen zu töten, ist mir eindrucksvoll in Erinnerung geblieben, was für ein geringer Aufwand es für einen Drachen sein kann, einen Charakter bis dicht an den Tod oder auch noch darüber hinaus zu bringen.


Egal, welches Rollenspiel man spielt - Midgard, Shadowrun, DSA, Earthdawn, D&D - immer gehören Drachen zu den größten Herausforderungen vor denen Charaktere stehen können. Was also bringt Spieler immer und immer wieder dazu, ihre Charaktere Klingen und Zauber gegen einen Drachen wenden zu lassen?

Vermutlich, weil der Sieg über einen Drachen das verspricht, was fast alle Spieler sich für ihre Charaktere wünschen: Ruhm, Reichtum, Macht (sprich: APs, LPs, EPs, Karma etc.).

Im Kampf gegen einen Drachen haben schon viele mehr oder weniger ruhmreiche Charaktere ein mehr oder weniger ehrenvolles Ende gefunden (Zitat eines Spielers: "Mein Magier glaubte nicht, dass das ein Drache war. Danach habe ich einen Druiden gespielt.")


Es kann aber auch anders laufen, wie z.B. in einer Geschichte, die ich gehört habe, in der ein Magier (man höre und staune) versucht hat, etwas aus dem Hort eines Drachen zu stehlen. Selbstverständlich ist das dem Drachen aufgefallen, und als der Magier, besagten Gegenstand noch immer in der Hand, versuchte aus der Höhle des Drachen zu fliehen, wirkte er eine Regenbogenwand zwischen sich und den Drachen. Diesem blieben jetzt noch zwei Möglichkeiten: durch die Regenbogenwand hinterher oder den Dieb laufen lassen. Den Dieb laufen lassen? Niemals! Entschlossen stürzte sich der Drache hinterher, denn schließlich weiß der Spielleiter, die Wahrscheinlichkeit, dass der Drache stirbt, ist gering, die Wahrscheinlichkeit des Charakters zu sterben, wenn es dem Drachen gelingt, durch die Regenbogenwand zu kommen, dafür um so größer. Aber wie es das Schicksal so wollte, würfelte der Meister unglücklich, der Spieler ganz und gar nicht, und so geschah es, dass der Drache niemals auf der anderen Seite der Regenbogenwand angelangte.

Meistens allerdings endet so etwas wie in dem Fall, in dem eine junge Magierin (schon wieder ein Magier!) versuchte einen äußerst übellaunigen Drachen um das Zauberbuch eines erschlagenen Blutelfen zu betrügen. Auch das blieb nicht unbemerkt, und so machte der Spielleiter quasi in Gestalt des Drachens das finale Gnadenangebot: "Übernimm diesen Auftrag für mich und ich lass dich am Leben." Der Spieler sagte: "Okay", der Charakter schnappte sich das Buch und schickte sich an zu gehen - mit dem Buch! Ich beschloss folglich, dass Alamaises ohnehin schon recht dünner Geduldsfaden reißt und forderte den Spieler auf: "Er greift dich an. Würfel Ini." Diese gewinnt der Drache, wie erwartet, haushoch. Ich würfle den Angriff, ich würfle den Schaden - nein, ich habe kein Karma benutzt. War auch gar nicht nötig.


Tja, es ist halt niemals ratsam, einen ohnehin schon gereizten Drachen noch mehr zu ärgern, wie auch in einer anderen Runde geschehen. Die Gruppe, die es nicht geschafft hat den Auftrag des Drachen zu seiner Zufriedenheit zu erledigen, bekommt - auch hier - das finale Gnadenangebot: "Nehmt die Überreste des bösen Magiers (welchen der Drache vorher verspeist hatte) und übergebt sie dem General des Imperiums persönlich." Darauf der Troll-Luftpirat: "Ich trag doch keine Drachenkacke durch die Gegend." Nun, auch er endete als Drachenkacke. Ein Fall für berühmte letzte Wort. Abschließend bleibt noch zu sagen, dass jener böse Magier, arrogant, mächtig und von imposanten Gehabe im Angesicht des Drachens winselnd auf die Knie fiel und um Gnade bettelte - bevor er gefressen wurde.


Eine besonders interessante Art durch einen Drachen zu sterben ist diese hier: Die Charaktere haben den Drachen erfolgreich erschlagen und einer von ihnen beschließt, um Unverwundbarkeit zu erlangen im Blut des selbigen zu baden. Laut den Regeln dieses Systems ist Drachenblut allerdings kochend heiß (Ohne Risiko halt kein Gewinn!) und so endete genannter Charakter gut durch in frisch gepresstem Drachenblut.

Andere Charaktere werden nicht so sehr durch den Drachen als durch Panikreaktionen auf sein Erscheinen hin getötet: Auf einem Schrottplatz flüchtete ein Zwergendecker vor einem anstürmenden Drachen. Nur ein Gedanke raste durch sein panikerfülltes Hirn: ein Drache, ein Drache, ein Drache…er spuckt bestimmt gleich Feuer! Wahrscheinlich hätte der Zwerg es noch überlebt - wenn er nicht hinter seinem Motorrad in Deckung gegangen wäre, welches mit ihm in die Luft flog!


Doch gelegentlich gelingt es den Helden sogar einen Drachen zu töten, wie zum Beispiel in folgender Geschichte:

Die Charaktere sind in einer nur durch wenige Fackeln erhellten Höhle gefangen - ohne Waffen, ohne Rüstungen - als vom Grunde des breiten Spaltes, der fast die ganze Höhle einnimmt, polternd ein schwarzgeschupptes Ungeheuer heraufkommt. Ein Dragolisk, halb Drache, halb Basilisk, mit mächtigen Klauen, versteinerndem Blick und der Fähigkeit Säure zu speien - nur leider nicht ganz so intelligent wie ein Drache.

Der Magier wirft verzweifelt seinen letzten Kampfzauber und als die Bestie, wie nicht anders zu erwarten, davon nicht stirbt, schauen alle Spieler voller Verzweiflung und stummer Wut den Spielleiter an. Alle Spieler? Nein, der Spieler des kleinen Kenders leistet weiterhin erbitterten Widerstand, als dieser auf den Rücken des Monsters springt. Es versucht ihn abzuschütteln, im Flug von der Wand zu streifen, aber es nützt alles nichts. Der Kender klebt an ihm wie ein Kaugummi unter einer Schuhsohle. Folgenschwer beschließt der Dragolisk, die Klette auf seinem Rücken auf einem Stalaktiten aufzuspießen, aber der gewandte kleine Kerl weicht aus, und das Ungeheuer rammt sich die Felsnadel in den eigenen Rücken. Nach einem zweiten Versuch, der ebenso fatal für das Monster endet, bekommt der Kender eine Fackel zugeworfen, die er in die Wunde der Kreatur stößt, bis sie über das Maß des Erträglichen hinaus verwundet in einer Staubwolke auf dem Boden aufkommt.


Eine nicht wirklich tapfere aber sehr wirksame Leistung hat ein (dunkel, dunkel) grauer Hexer vollbracht. Während seine Kameraden unter Einsatz ihres Lebens den (zugegeben noch nicht sehr alten) Drachen wenigstens stark verletzt in die Flucht schlagen konnten, schickte er ihm noch einen bösen Blick - und ritt vom Kampf weg. Einige Tage später fand man den verrottenden Kadaver des Drachen in einer Höhle. Der böse Blick arbeitet langsam aber effektiv.


In seltenen Fällen ist das Würfelglück auch auf der Seite der Charaktere. Der Spielleiter droht: "Da kommt ein Drache, wollt ihr fliehen?" Die Hälfte der Gruppe ist sich einig - klar fliehen wir. Die andere Hälfte ist sich ebenfalls einig: Rauf auf den Drachen! Lang lebe die Kameradschaft - auch der fliehende Teil der Helden macht kehrtwendmarsch und greift ebenfalls an.

Genervt sagt der Spielleiter: "Ok, ihr seid tot."

Darauf ein Spieler tapfer: "Das würfeln wir aus!"

Ende vom Lied: Der Drache ist tot!


Oftmals reicht es einem Drachen, den aufdringlichen Helden nur eine Lektion zu verpassen. So fanden sich die unglücklichen Charaktere auf einmal im Astralraum wieder. Als sie dort einen anderen Drachen um Hilfe baten, hatte Usum nichts als ein großes Gelächter für sie übrig.

Ein Drache schlug einem Dieb ein Spiel vor: Wenn du jenen wertvollen Gegenstand, der nicht größer als eine Haselnuss ist, in meinem Hort findest, darfst du ihn behalten. Der Dieb wühlte sich ein Jahr durch den Schatzberg von der Größe eines Fußballfeldes - ohne Erfolg. Doch der Drache war bereit Gnade zu zeigen und einen kleinen Tipp zu geben, wenn der Dieb einen Auftrag übernehmen würde. Daraufhin zog der Dieb von dannen.

Ein anderes Mal ließ der Drache die Helden seelenruhig durch seine Höhle schleichen - bis dem dummen Krieger nichts Besseres einfiel als den angeblich schlafenden Koloss zu fragen: " Sag mal, kannst du auch Feuer spucken?" Die Gruppe war ziemlich gar, als sie mit ach und Krach aus dem Dungeon kam.


So ist das nun mal: Langweilige Leute sterben an Herzinfarkt, Kindbett oder Altersschwäche, Helden an Drachen und Drachen an Helden.


Zahlreiche Abenteurer, die eine Begegnung mit einem Drachen überlebt haben, haben sie vor allem deshalb überlebt, weil sie weise einen Kampf vermieden haben.

So zeugen nur wenige Geschichten von der Weisheit und Intelligenz der Drachen. So ging ein Zwerg im wahrsten Sinne des Wortes körperlich und seelisch durch die Hölle. Und als er dann letztlich vor dem Drachen stand, schleuderte er ihm all seine Wut, Trauer und seinen Hass auf die Drachenrasse entgegen. Doch jener nahm den Zwerg nur sanft beiseite und löschte aus seinen Erinnerungen alle Schrecken und bösen Erlebnisse.

Das bemerkenswerteste Beispiel von der Kultiviertheit jener beeindruckenden Geschöpfe konnte eine Abenteurergruppe berichten, welche mit einem Drachen Tee trank. Dabei beließ es der Drache nicht nur damit, den Helden von seinem Diener den Tee servieren zu lassen sondern ließ sich ebenfalls einschenken. Elegant mit abgewinkelter kleiner Klaue hielt er seine gigantische Teetasse, während er in aller Ruhe mit den Helden plauderte!

Insgesamt gesehen gibt es sicher deutlich mehr Drachen, die von sich behaupten können Abenteurer getötet zu haben als Abenteurer, die schon mal einen Drachen getötet haben. Trotzdem werden Abenteurer wohl niemals aufhören zu versuchen, diese Statistik umzukehren…


Anke Schumann, -sw-

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