Drachenmärchen

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Gestern und Heute


Ihr war entsetzlich kalt in diesem dünnen Hemd, und die eisernen Ketten an ihren Handgelenken hatten tiefe Schürfwunden in die zarte Haut gerieben, so sehr hatte sie versucht sich zu befreien. Doch der Schmied hatte die Schellen wie jedes Jahr genau geprüft, bevor die Jungfrau an den Pfahl gekettet wurde um sie dem Drachen zu opfern. Schon hörte sie von der Höhle das Schaben von harten Schuppen auf Gestein und das entsetzliche Schnauben des Untiers. Leichter Schwefelgeruch legte sich in die Luft, als sich das Monster aus seiner Grotte schob. Sein Anblick war grauenerregend. Gewaltige Zähne, glühende Augen, giftgrüne Schuppen und aus den Nüstern aufsteigender Rauch war alles was sie erkennen konnte, ehe ihr schwarz vor Augen wurde. Doch bevor sie sich in die gnädige Ohnmacht flüchten konnte, riss sie das Geräusch von galoppierenden Hufen wieder heraus. Ein Ritter in funkelnder Rüstung auf einem gepanzerten Streitross preschte mit eingelegter Lanze um die Biegung der Schlucht, direkt auf das gewaltige Ungetüm zu…

Eine typische Drachengeschichte. Noch klischeehafter kann es eigentlich gar nicht mehr werden. Als ich jedoch begann mich in die Materie einzulesen, musste ich feststellen, dass die meisten Geschichten um Drachen eigentlich gar nicht diesem Standard entsprechen. Es wurde richtig schwierig den Ursprung dieses Klischees zu finden! Helden, die Drachen erschlugen, gab es viele, doch entweder fehlte die holde Maid oder der Drache war "nur" ein Seeungetüm.

So erschlug der nordische Gott Thor die Midgardschlange Jormungander während der Ragnaröks, allerdings stirbt er durch den letzten giftigen Atemhauch der Kreatur.

Siegfried besiegte den Lindwurm Fafnir, welcher eigentlich ein Zwerg gewesen war. Dieser Zwerg tötete einst seinen Vater wegen dessen gewaltigen Goldschatzes. Durch seine Gier und dem Fluch seines Vaters bescherte der Reichtum Fafnir jedoch jene schreckliche Veränderung in eine Drachengestalt, die von seinem eigenen korrupten Wesen angeregt wurde.

Der römische General Marcus Atilius Regulus erledigte auf dem Weg zur Eroberung Karthagos eine riesige Wasserschlange - jedoch mit Hilfe von Katapulten und seiner Soldaten. Von einer schönen Jungfrau keine Spur.

Diese taucht wohl zum ersten Mal in der griechischen Sagenwelt auf, auch wenn der Drache "nur" ein Schlangenwal war. Als Perseus nach seinem Sieg über Medusa mit dem Flügelsandalen des Hermes (er hatte sie sich mal kurz ausgeliehen) auf dem Heimweg über die Welt flog, sah er die wunderschöne Andromeda über dem Meer an eine Klippe gefesselt. Sie erzählte ihm, dass ihre Mutter den Meeresgott Poseidon beleidigt habe und dieser schickte den Meeresdrachen Cletus, um dem Königreich viel Leid anzutun. Andromeda solle jetzt Cletus geopfert werden, um Poseidon zu besänftigen. Als der gewaltige Schlangenwal aus dem Meer auftauchte wurde er von Perseus aus der Luft erstochen.

Erst in der Geschichte des heiligen Georgs vereinigten sich wieder fast alle Fakten. In Libyen verwüstete ein Drache mit giftigen Dämpfen das Land. Man opferte ihm täglich zwei Schafe, woraufhin der Drache ruhiger wurde. Doch bald gab es keine Schafe mehr, woraufhin der König der Opferung von einem Kind pro Tag zustimmte. Als eines Tages seine Tochter Alcyone an den Pfahl im Sumpf gefesselt wurde, tauchte der Ritter Georg auf und erschlug den Drachen. Gut, der Drache hat kein Feuer gespien, aber aus der Geschichte entstanden wohl die meisten späteren Volksmärchen und Sagen.

Erst im letzten halben Jahrhundert änderte sich das typische Bild eines Drachen bzw. die gängigen Geschichten. Viele Autoren bemühten sich in dem frisch aufkommenden Fantasy-Genre auch den Drachen ein neues Gesicht zu geben. Es mag auch daran liegen, dass die Kultur und Geschichte Asiens sich stärker verbreitete und damit auch die dort herrschende Vorstellung des Drachens als ein intelligentes und weises Wesen, welches zwar mächtig aber auch glücksbringend und hilfreich ist.

Es entstanden viele wunderbare Geschichten mit und um Drachen. Auch wenn sich eine Grundidee fast ständig wiederholt (alle Drachen können fliegen, Feuer spucken, sind groß und mächtig), ist doch jedes dieser Bücher einzigartig.


Der Klassiker unter den Drachengeschichten ist wohl "Der kleine Hobbit" von J.R.R. Tolkien. Hier ist der Drache zum einen schon deutlich intelligenter als in den alten Sagen, zum anderen ist er auch erst durch das Zusammenwirken mehrerer Helden zu besiegen. Denn Bilbo entdeckt bei einem Rätselkampf mit dem Drachen Smaug dessen einzige verletzlich Stelle am Bauch. Während er den Zwergen später davon erzählt, hört eine alte Drossel dies mit an und fliegt fort. Einige Zeit später startet Smaug dann zum Vernichtungsflug zur Stadt am See. Und während er noch über dem Ort kreist und Feuer spuckt erzählt die Drossel dem Bogenschützen Bard von der Schwachstelle im Panzer des Drachen. Und so kann Bard mit einem einzigen Pfeilschuss den Drachen töten. Zwar ist der Drache auch hier wieder der Böse, aber wenigstens einer mit Charakter!


Das Buch "Drachenkampf" von Dennis L. McKiernan (1990) gehört ebenfalls zur klassischen Art: Helden kämpfen gegen einen großen bösen Drachen, der auf seinem Hort sitzt. Auch auf dieser Welt sind die Drachen hochintelligent, fremdartig, magiebegabt und goldgierig. Aber neben der eigentlichen Geschichte nimmt der Autor sich auch die Zeit, die Drachen und ihre wirklich einzigartige Lebensart zu beschreiben.

Axel beschreibt den Roman folgendermaßen: "Die Reiche der Menschen und der Zwerge leiden unter demselben Fluch: der grausamen Zerstörungswut der Drachen! Vor vielen Jahren fiel die Zwergenfeste durch den Drachen Glaum und ward trotz ständiger, tapferer Versuche der Zwerge nicht wieder zurück zu erobern. Jedoch gelingt es dem Menschenprinz Elgo, durch eine List das schier unmögliche: Er tötet den Drachen Glaum und nimmt die Schätze des Drachenhortes an sich. Nun entbrennt ein Krieg zwischen beiden Völkern, bedingt durch Missverständnisse, Sturheit und verletzten Stolz. Ausgerechnet in dieser stürmischen Zeit bilden zwei eingeschworene Feinde eine ungewöhnliche Allianz. Die Schwertmaid Elyn und der Zwerg Thork machen sich auf, die finstren Pläne des Magiers Andrak zu durchkreuzen. (Der größte der Drachen, Kalgalath der Schwarze, ist eine Zweck-Allianz mit dem Magier eingegangen und zieht jetzt marodierend durch die Gegend. Anm. d. Red.). Ich habe lange keine so urige Fantasy-Story mehr gelesen. Die kulturellen und persönlichen Spannungen aller Charaktere haben mich tief beeindruckt. Besonders empfand ich die Zwerge als sehr "zwergisch". Ein gefühlvoller Roman, der eine ganz eigene Art von Begeisterung weckt!"


Ein völlig anderes Bild bietet Anne McCaffreys Science-Fiction/Fantasy-Saga um "Die Drachenreiter von Pern", welche 1968 zum ersten Mal erschien.

Vor vielen tausend Jahren landeten Menschen in einem Raumschiff auf der Welt Pern. Sie hatten sich schon lange angesiedelt, als zum ersten Mal die Sporen fielen. Ein kleiner Mond der um die Welt kreiste, sonderte in unregelmäßigen Abständen alles verätzende Sporen ab. Dieser Säureregen zwang die Menschen sich in Höhlen zurück zu ziehen und an ihrer Verteidigung zu arbeiten. Die Gentechniker der Raumfahrer züchteten aus einer kleinen, einheimischen feuerspeienden Echsenart die ersten Drachen. Wie ihre Zwergdrachen konnten auch die großen fliegen und sich ohne Zeitverlust in Raum und Zeit bewegen. Außerdem wurden sie sehr intelligent und schlossen sich stets mit einem einzigen Menschen auf telepatische Weise zusammen. Reiter und Drache bildeten eine fliegende Kampfeinheit, um die Sporen noch in der Luft zu verbrennen, bevor sie am Boden alles vernichten.

Soweit klingt es nach viel Science-Fiction. Doch diese Vorgeschichte bleibt eigentlich meistens verborgen. Denn die Geschichte beginnt viele Jahrhunderte nach der Landung.

Die Sporen sind seit dreihundert Jahren nicht mehr gefallen. Viel Wissen über ihre Bekämpfung, aber auch über alte Techniken ist verloren gegangen. Die Gilde der Barden versucht als einzige noch neues bzw altes Wissen auszugraben. Die wenigen Drachen und ihre Reiter fristen ein eher geduldetes Dasein und erhalten nur wenig Unterstützund von den Feudalherren, die ihre eigenen Kämpfe nach Macht austragen. Als es wieder Sporen regnet ist die Not der Menschen als auch der Drachenreiter groß. Sie sind zu wenige um den Kampf aufzunehmen. Die Drachenkönigin ist zu alt um noch viele Eier zu legen. Erst Lessa, eine jungen Frau, welche nur den Wunsch hatte sich an einem Feudalherren für den Tod ihrer Familie zu rächen, ist bald die letzte Hoffnung für die Drachenreiter. Denn in ihr schlummert noch das alte Blut um vielleicht die bald schlüpfende Drachenprinzessin an sich zu binden.

Auch wenn die Drachen in diesen Romanen noch viele tierhafte Züge an sich haben, existiert hier wohl zum ersten Mal in der Literatur eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mensch und Drache zum Wohle aller.


Gordon R. Dickson ist in den 70er Jahren mit seinem Roman "Die Nacht der Drachen" sehr humorvoll an die alte Drachensaga herangegangen.

Ein Professor an der Universität hat gebastelt und mit einer Maschine - natürlich nur aus Versehen - erst eine Studentin und dann ihren Freund James Eckert in eine mittelalterliche Welt transportiert. Wobei James in einen Drachenkörper gelangt ist und gerade in die Sitzung von ca. 100 anderen Drachen platzt, die darüber beraten ob sie seine Freundin fressen sollen. Doch dank der Hilfe eines alten, verqueren Magiers, eines bis zum Platzen ehrenvollen Ritters und eines grimmigen sprechenden Wolfes gelingt es, die Sache zu klären und den eigentlich Bösen (einen finsteren Magier) zu besiegen. Am Ende bekommt die Drachenseele Gorbash, welche in James Körper unsere Welt unsicher gemacht hat, seinen Drachenkörper wieder und James seinen eigenen menschlichen. Gemeinsam verbleibt er mit seiner Freundin in der anderen Welt, in der er noch viele Abenteuer besteht, zumal er da noch Magier wird.


Ein besonderes Werk ist Barbara Hambly mit "Der schwarze Drache" Mitte der 80er Jahre gelungen. Die Drachen sind die mächtigsten Wesen auf dieser Welt. Sehr selten, aber absolut tödlich und von einer fremdartigen Schönheit und Intelligenz. John Aversin, Than von Alynfeste und der einzige bekannte noch lebende Drachentöter, wird von seinem Herrn gebeten die unterirdische Gnomenstadt Ylferdun von einem Drachen zu befreien. Er zieht mit seiner Lebenspartnerin, der Hexe Jenny los, doch noch bevor sie in der Stadt des Herzogs ankommen müssen sie erkennen, dass der Drache nicht einmal ihr größtes Problem am korrupten Hofe ist. Und Morkeleb, der schwarze Drache übt eine ebenso tödliche Gefahr wie unheimliche Anziehung auf Jenny aus. Dieser Roman spiegelt alle Facetten eines Drachen wieder. Seine enormen Fähigkeiten, sein Drang zum Gold, seine Weisheit, aber auch die kalte Intelligenz die Gefühle kaum zulässt. Seine Tödlichkeit in allen Bereichen, aber auch die Schönheit die ein Drache ausstrahlt. Gleichzeitig wird mit vielen Klischees, wie aus der obersten Geschichte, aufgeräumt und die raue Wirklichkeit beschrieben. Obwohl sich die Geschichte hauptsächlich um Jenny und John Aversin dreht ist der Drache nie weit weg.


Auch Joanne Bertin hat mit ihrem Werk "Der letzte Drachenlord" eine besondere Art gefunden Drachen darzustellen. Dabei vereinigt sich eine Drachenseele mit der eines Menschen. Überlebt der Mensch bis zum Erwachsenenalter, so wird er sich der Drachenseele bewusst, welche ihm nicht nur übernatürliche Kräfte verleiht, sondern auch die Möglichkeit sich nach Belieben in einen Drachen zu verwandeln. Er wird zu einem Drachenlord. Außerdem wird der Mensch unsterblich. Die Drachenseele zeigt sich nur selten, sondern begnügt sich mit beobachten und wartet geduldig, bis der Mensch nach vielen Jahrtausenden seines Lebens überdrüssig wird und seinen Platz räumt. Außerdem gibt es auf der Welt auch noch "normale" Echtdrachen. In einer mittelalterlichen Fantasywelt sind die Drachenlords die Berater, Richter und Beschützer der Menschenreiche. Doch nicht alle stehen den Drachenlords mit Ergebenheit gegenüber und ein alter Feind erhebt sich. Unter der Führung eines bösartigen Magiers plant ein tot geglaubter Magierzirkel ein listiges Intrigenspiel zur Vernichtung aller Drachenlords.

Ausgerechnet dann wird auch noch der jüngste der Drachenlords, Linden Rathan, der Gruppe zugeteilt, welche die Streitigkeiten über Regentschaft der Hauptstadt Cassori schlichten soll. Linden ist als letzer Drachenlord bekannt, denn seit 600 Jahren ist außer Linden kein weiterer Drachenlord mehr entstanden. In Cassori muss er nicht nur dem Netz der Bruderschaft entkommen, er erkennt in einer jungen Frau auch seine Seelengefährtin: Die Frau trägt die weibliche Form seiner Drachenseele in sich und wird ebenfalls ein Drachenlord werden. Dies darf er ihr jedoch nicht offenbaren, da der Schock darüber zu schrecklichen Konsequenzen für sie und die Drachenseele führen kann.

Axel schreibt zu diesem Buch:

Eine gefühlvolle und spannende Fantasy-Story mit einem märchenhaften Charme.

Die einzelnen Elemente ergeben eine so vielschichtige (…"wie Zwiebeln!"…) Handlung, dass ich dieses Buch geradezu verschlungen habe um zu erfahren, was als nächstes geschieht - unbedingt lesenswert.


Die Liste mit Büchern, in denen Drachen eine wichtige Rolle spielen, könnte man unendlich weit fortführen. Da wäre noch "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende mit dem Glücksdrachen Fuchur, der in seinem Wesen stark an die asiatischen Drachen angelehnt ist.

Oder "Die Zauberschiffe" von Robin Hobb, in der die Drachen einen langen Prozess durchlaufen. Die Drachen paaren sich, aus den Eiern schlüpfen Seeschlangen, diese schwimmen einen Fluss hinauf, verpuppen sich dort und entwickeln sich zu Drachen. Durch ein Erdbeben werden die Kokons verschüttet. Als Menschen sie irgendwann ausgraben entfernen sie die unfertigen Drachen und bauen aus den stabilen Kokons mächtige Schiffe, welche lebendig sind, da sie noch die Seele des Drachen in sich tragen.

In "Der Adept des Assasinen"-Reihe (ebenfalls von Robin Hobb) werden Drachen von Menschenhand aus Stein modelliert. Dabei gibt der Bildhauer und Schöpfer sein ganzes Selbst in die Figur, so dass er am Ende stirbt und seine Seele in die Figur dringt und belebt - zum Schutze des Königreiches und zur Abwehr der regelmäßigen Invasion aus dem Norden.

Es gibt bestimmt noch viele andere gute Drachenbücher, aber alle diese Werke sind besonders lesenswert, also versucht es mal!


Axel Scharnweber, -cp-, -sw-

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