Mumia

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das Allheilmittel der Könige


Schon in der Spätantike glaubte man an die Heilkräfte der in der Natur vorkommenden Erdharze- und Peche. Diese Kohlenwasserstoffe ( Bitumen ), im Volksmund auch schwarzes Erdpech genannt, bezeichnete schon der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jhrd. n. Chr. in seiner „ Materia medica“ als gutes Heilmittel für Wunden. Dieser Glaube an die Heilkräfte des Erdpechs hielt sich bis in die späte Neuzeit und verbreitete sich in ganz Europa bis ins zaristische Russland. Dumm war nur, dass diese Bitumen sehr selten zu finden sind und in Europa schon gar nicht. Sie gelangten meist nur als Geschenke persischer Fürsten nach Europa und waren deswegen selten und sehr teuer.

So kam man im 13.Jhrd. auf die Idee, die harzige, konservierende Salböl- Substanz aus dem Körper von Mumien zu kratzen und diese als ähnlich heilsames Mittel wie die Bitumen unter dem Namen „Mumia“ zu verkaufen. Einer der Befürworter dieser Praxis war der arabische Arzt Abd al- Latif, der die heilsame Wirkung des Mumia deutlich in seinen Werken lobt. Arabische Ärzte gingen aufgrund des oft hervorragenden Erhaltungszustandes der Mumien, sogar so weit, dem Mumia eine geheimnisvolle, lebenserhaltende Kraft zuzusprechen. Es entwickelte sich schnell ein lebhafter Handel mit den Mumien der alten Pharaonen und ihrer Landsleute. Ganze Schiffsladungen von Mumien wurden von Alexandria nach Europa verschifft. Umschlagplätze für die ägyptischen Mumien waren Venedig, Lyon und Marseille. Die Händler mussten allerdings aufpassen, dass ihnen keine falschen Mumien ( in Mullbinden eingewickelte kürzlich Verstorbene ) von den findigen ägyptischen Zulieferern angedreht wurden. So war die Bezeichnung „Mumia vera aegyptica“ schon fast ein Gütesiegel, um echte, alte von neuen, falschen Mumien zu unterscheiden.

Leider reichte die Menge der erhaltenen Mumien auch nicht aus, um die Nachfrage nach den heilsamen Harzen und Salbölen zu befriedigen. Deswegen ging man schon bald dazu über, die gesamte Mumie zu zermahlen und als Mumia zu verkaufen, anstatt nur die Harze aus den Leichen zu kratzen. In ganz Europa lobten nun Ärzte die Wirkung des Mumias. In Frankfurt nannte der Arzt Joachim Strüppe in seinem Traktat über den Gebrauch des Mumias nicht weniger als 21 Anwendungsbereiche für das Heilmittel. Seiner Meinung nach konnte Mumia bei Husten, Halsweh, Schwindel, Gichtbrüchen, Herzweh, Zittern, Nierensucht, und Kopfschmerzen helfen. Der Einfluss dieser Leute bewirkte, dass sich Europas Monarchen und gekrönte Häupter wie Ludwig XIV. und Katharina die Große den zermahlenen Körper eines ägyptischen Edelmannes auf ihr Butterbrot schmierten oder über ihren Capuccino stäubten. Denn die Anwendung des Mumias konnte laut Joachim Strüppe sowohl äußerlich als auch innerlich erfolgen. Er empfiehlt für die Einnahme Geißmilch ( bei Blasenleiden ), Essig, Honig, Rosmarin, Kirschwasser und Wein. Bei äußerlicher Behandlung sollte man das Mumia, mit Butter zusammen, auf die Wunden, Stellen oder Bisse schmieren.

Und die Monarchen hielten sich an seine Anweisungen. So hatten der französische König Franz I. im 16.Jhrd. immer einen Beutel mit Mumia dabei, um sich seine Wunden damit behandeln zu können. Ob er auch etwas Butter dabei hatte, ist allerdings nicht überliefert.

Es gab natürlich auch Stimmen, welche die heilsame Wirkung des Mumia anzweifelten. Diese Miesmacher konnten sich aber erst am Ende des 19.Jhrd. durchsetzen. Und obwohl eine heilende Kraft des Mumia nie bewiesen werden konnte und die meisten Ärzte ab dem 19.Jhrd. keine Rezepte mehr für Mumia ausschrieben, konnte man bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts Mumia noch in einigen Apotheken kaufen. Das Kilo Mumia kostete z.B. bei der Firma Merck aus Darmstadt im Jahre 1924 noch 12 Goldmark.

Auch wenn das Mumia keine Heilkräfte besitzt und die meisten Ägyptologen und Altertumsforscher schlaflose Nächte verbringen bei dem Gedanken an die verlorenen Mumien, so bleibt es doch eine lustige Randnotiz der Geschichte, dass Europas Fürsten, Könige und Reiche sprichwörtlich an den Gebeinen der ägyptischen Toten nagten, um ihre Gesundheit zu erhalten und ihr Leben zu verlängern.


-th-

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