Interview mit Terry Pratchett: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 1. August 2007, 17:26 Uhr

Lügen für Kinder - Terry Pratchett

Ein Gespräch mit Terry Pratchett, dem Autor der Fantasy-Serie "Scheibenwelt", über den Unterschied zwischen Forschung und Science-Fiction (DIE ZEIT, 7.2.2002)


DIE ZEIT: Seit vielen Jahren basteln Sie in Ihren Büchern an einer Art Paralleluniversum. In der Scheibenwelt ist Magie alltäglich, wird an der Unsichtbaren Universität gelehrt. Sind sie ein verkappter Wissenschaftler?
Terry Pratchett: Möglich. Jedenfalls sind viele meiner Fans wissenschaftlich interessiert, und ich rede oft mit meinen Freunden, dem Biologen Jack Cohen und dem Mathematiker Ian Steward. Von Ian wollte ich wissen, ob es ein Quantum der Zeit gibt, einen Augenblick, in dem das kleinste mögliche Geschehnis passiert. Er erzählte von der Planck-Konstante und der Heisenbergschen Unschärferelation und half mir, das Konzept der Zeitspeicher zu entwickeln, die von Geschichtsmönchen betrieben werden.
ZEIT: Was reizt Sie an solchen in sich plausiblen Absurditäten?
Pratchett: Der Humor der Scheibenwelt beruht darauf, Metaphern wörtlich zu nehmen und die Konsequenzen zu durchdenken. Ich habe Ian angerufen, um die Größe des Himmels zu berechnen, er ist ja Mathematiker. Irgendwo in der Bibel gibt es eine Definition, und wir haben nachgerechnet. Das Ergebnis wird Sie beruhigen: Es gibt genug Platz für alle da oben - einschließlich Haustieren.
ZEIT: In dem Buch Die Gelehrten der Scheibenwelt, das Sie mit Cohen und Steward verfassten, entsteht im Labor für Hochenergie-magie ein Minikosmos. In ihm bildet sich ein exotisches kugelförmiges Objekt, auf dem die Gelehrten mit Staunen die Evolution beobachten - ein als Fantasy-Roman getarntes Sachbuch?
Pratchett: Wir wollten kein Buch schreiben, das erklärt, wie die Scheibenwelt funktioniert - so wie es Abhandlungen über die Antimaterie-triebwerke des Raumschiffs Enterprise gibt. Also beschlossen wir, über unsere Welt zu schreiben, aber vom Standpunkt der Scheibenwelt aus. Das verschärft das Paradoxon: Die Scheibenwelt ist für den gesunden Menschenverstand viel zugäng-licher als die unsere. Die Zauberer der Unsicht-baren Universität benehmen sich viel eher wie du und ich als ein Physikprofessor in seinem Labor.
ZEIT: Wie ließe sich die Kluft zwischen Wissenschaft und Alltag überbrücken?
Pratchett: Das ist das zentrale Problem. Mein Vater hatte die Möglichkeit, Newton und Einstein nicht zu verstehen. Ich bin in der Lage, Newton, Einstein und Hawking nicht zu durchschauen. Nicht auszudenken, welche Chancen der Unwissenheit sich meiner Tochter eröffnen. Je gebildeter ein Wissenschaftler ist, desto bereitwilliger wird er zugeben, wie wenig er von seinem Forschungsgegenstand versteht.
ZEIT: Aber gibt es nicht einen Unterschied zwischen hoch und niedrig qualifiziertem Unverständnis?
Pratchett: Ich nenne es das "Lügen für Kinder"-Phänomen: Man erklärt die Wissenschaft in Geschichten, die nicht ganz stimmen, aber deren Wahrheitsgehalt fürs Erste ausreicht.
ZEIT: So kommt das Atommodell in die Schulbücher, in dem Elektronen wie Planeten um Atomkerne kreisen. Aber wer kann sich Materie vorstellen aus quantenmechanischen Wellen-funktionen?
Pratchett: Wahrscheinlich stellen sich die meisten Menschen Atome als umeinander kreisende Kügelchen vor, weil diese Metapher so eingängig ist, dass wir sie für den Gegenstand halten, den sie beschreiben soll. So gesehen ist der wichtigste Unterschied zwischen der Schiebenwelt und einem Physikbuch, dass meine Romanwelt in sich logisch ist. In unserer Welt ergibt nichts einen Sinn, und in dem Verlangen nach einer Erklärung stürzen wir uns begierig auf Ideen wie die Chaostheorie. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist das nur eine pseudowissen-schaftliche Beschreibung der Erfahrung, dass häufig irgendwas schief geht.
ZEIT: Aber ist das Bedürfnis nach Wissen nicht mindestens so stark wie die Sehnsucht nach simplen Antworten?
Pratchett: Wer weiß schon, was ein Gen wirklich ist? Da trifft es sich doch gut, dass man im Film nur eine Spritze mit "Dinosaurier-DNA" in ein Ei zu spritzen braucht, und prompt kommt so ein Urweltreptil heraus. Jetzt, wo wir nicht mehr an Götter glauben, die den Mond am Himmel aufgehen lassen, sähen wir die Wissenschaftler gern als Männer, die mit Steintafeln vom Berg steigen, auf denen die Antworten auf unsere Fragen stehen.
ZEIT: Lässt uns die Angst vor der Zufälligkeit der Welt nach unumstößlicher Weisheit gieren, oder treibt uns nur die Sehnsucht nach romantischer Mystik, wie das Harry Potter-Fieber zeigt?
Pratchett: Aus der Perspektive des täglichen Lebens sind Magie und Quantenmechanik mehr oder weniger äquivalent. Mit der Quantenmechanik und den Spekulationen über parallele Universen könnte man vermutlich genauso gut Religionen begründen wie mit Wundern. Übrigens leben wir längst in einer Science-Fiction-Welt. Ich war letztens in Australien und habe mich in einem Laden per Handy mit meiner Frau in England über die Farbe eines Kleides unterhalten, das ich für sie kaufen wollte. Das finden wir normal. Wo ist der Unterschied zu Magie?
ZEIT: Zum Beispiel braucht man Quantenmechanik, um das Handy zu entwickeln, mit dem Sie telefonieren.
Pratchett: Das glaube ich nicht. Die ersten Detektorradios funktionierten mit Kristallen, in denen man mit einer Nadel herumstocherte, bis der Empfang gut war. Die Theorie der Diode war noch gar nicht entwickelt. Das war Alchemie. Die Entwicklung unserer Technologie ist mindestens so evolutionär, wie sie rational ist. Es ist erstaunlich, wie oft man durch Rumprobieren und Verfeinern zur besten Lösung kommt.
ZEIT: Bestreiten Sie, dass unser Denken heute von der Wissenschaft geprägt ist?
Pratchett: Von den wissenschaftliche Erkenntnissen finden doch nur die "Lügen für Kinder" den Weg ins breite Bewusstsein. Wir alle kennen den Baum des Lebens, an dessen Spitze der Mensch thront. Dabei weiß die Wissenschaft, dass die Evolution keinem Baum gleicht, eher einer Tundra mit Gestrüpp; mancher Busch wächst höher als die anderen, viele sterben ab. Es ist der Wunsch nach einer plausiblen Geschichte, die uns diese Dinge glauben lässt.
ZEIT: Erklären Sie je, woher die große Sternenschildkröte kommt, die in Ihren Büchern die Scheibenwelt auf ihrem Rücken trägt?
Pratchett: Nein, die Magier stellen sich diese Frage ja nicht. Sie akzeptieren ihr Vorhanden-sein. Die Theorie vom Urknall ist ja auch so verfasst, dass mit dem Knall die Zeit begann. Die Frage lässt sich also gar nicht stellen, was vor dem Urknall war, weil es ohne Zeit kein Davor gibt. Sehr praktisch.
ZEIT: Sie waren in den achtziger Jahren Pressesprecher für die Betreiber einiger Kernkraftwerke. Hat Sie diese Arbeit inspiriert?
Pratchett: Sie hat mir sicherlich gezeigt, dass tatsächlich alles schief geht, was schief gehen kann. Einmal mussten zig Tonnen Klärschlamm mach ein paar radioaktiven Metallsplittern durchsucht werden, weil jemand nach Reinigungsarbeiten im Reaktor das Wischwasser ins Klo gekippt hatte. Ich hatte sehr viel mit Lügen für Kinder zu tun. Vereinfachungen, wie die Vorstellung, ein Atomkraftwerk sei eine Art riesiger Teekessel, bestimmen bis heute das Bild der Atomkraft,. Und auf der Suche nach einer guten Story spüren Journalisten einer Nuklear-katastrophe nach, auch wenn nur ein langweiliges nichtradioaktives Wasserrohr undicht ist.
ZEIT: Kommt der Mangel an Verständnis vielleicht daher, dass sich die Technik zu rasch entwickelt hat?
Pratchett: Wir Menschen haben kein echtes Gefühl für Zeit. Vielleicht erinnern wir uns noch, wie uns als Kind der Großvater von der Zeit erzählte, als er selbst Kind war - so können wir mental 50 Jahre überbrücken. Dann liegen gerade einmal 40 Großväter zwischen uns und Jesus! So betrachtet sind 2000 Jahre nicht viel Zeit. Fast alles, was wir als Spezies zustande gebracht haben, hat sich in den vergangenen 10 000 Jahren abgespielt. Angesichts der Milliarden Jahre alten Erde existieren wir nicht einmal einen Moment.
ZEIT: Ist Wissen der Feind des Glaubens?
Pratchett: Ich stelle immer wieder fest, dass es gar keinen so großen Unterschied zwischen Forschern und Geistlichen gibt. Hinter verschlos-senen Türen sagen Ihnen viele Pfarrer: "Die Sache mit Jesus und der Jungfrauengeburt ist natürlich nur eine Metapher." Wir alle haben den Wunsch, dass es irgendeinen Plan gibt in der Welt.
ZEIT: Liegt hier das grundlegende Missver-ständnis der Öffentlichkeit für die Arbeit des Wissenschaftlers? Keine Formel erklärt ja, "warum" etwas geschieht, auch wenn sie so angekündigt wird.
Pratchett: Was Forscher eigentlich meinen, wenn sie sagen: "Wir haben herausgefunden, wie dieses oder jenes funktioniert", ist: "Wir sind uns nicht sicher, aber unter bestimmten Umständen scheint es so zu gehen." Das befriedigt das Publikum nicht besonders. Aber gleichzeitig scheinen viele Leute kein Problem mit einem Gott zu haben, der dreifaltig oder gleichzeitig sterblich und unsterblich ist. Mit mystischen Ungereimtheiten scheint der Mensch viel besser umgehen zu können als mit wissenschaftlichen Ungewissheiten.
ZEIT: Machen halbwegs plausible Lügen glücklicher als gebildete Ungewissheit?
Pratchett: Ja, und das birgt eine große Gefahr. Denn aus der Grundskepsis schlagen jene Kapital, die Lügen für Geld feilbieten - heilende Kristalle oder Matratzen gegen Erdstrahlen. Niemand behauptet mehr, die Wissenschaft wisse alles. Aber sie weiß genug über vieles, um Humbug widerlegen zu können. Nur ist eben der Unterschied zwischen erklärenden Lügen und grobem Unfug mitunter sehr subtil.


Das Gespräch führte Jürgen Scriba

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