Mumien: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 1. August 2007, 17:26 Uhr

Die Toten erlangen Unsterblichkeit


Sicherlich ist das Erscheinen einer oder mehrerer Mumien (aus dem arabischen für Erdharz) für die meisten Charaktere der Rollenspieler kein besonderes Ereignis mehr. Ob nun auf einem nächtlichen Erkundungsgang in einem stillen Museum, wo die Schritte in den dunklen Korridoren verhallen und jedes Geräusch tausendfach lauter klingt als am Tage. Oder bei der Erforschung eines alten Grabmahls, gebaut aus monumentalen Sandsteinquadern fugengenau aneinandergepasst, so dass nur feinster Stau durch die Ritzen rieselt, ruft das Auftauchen einer in schimmelige Mullbinden gewickelte Gestalt bei den Rollenspielern oft nur noch ein genervtes Augenrollen hervor.

In der Regel wird der untote Körper daher auch schnell von den Spielern fein säuberlich zu Mumia (siehe hierzu den Artikel: Mumia- das Allheilmittel der Könige) verarbeitet und man schreitet weiter im Plot des Abenteuers. Der Wert einer Mumie misst sich dann nur noch in Abenteuerpunkten.

In unserer realen Welt ist der Wert einer Mumie natürlich völlig anders. Auch das Erscheinungsbild der Mumien ist hier ein gänzlich anderes. Bei uns sind Mumien keine Träger oder Vollstrecker eines jahrtausendealten Fluches, sie lauern auch nicht in den Nekropolen Ägyptens auf Grabräuber oder wanken durch die Gassen von London, um grausige Morde zu begehen. Vielmehr sind sie ein unersätzlicher Bestandteil der Geschichtsforschung, denn sie geben uns Einblick in die Totenriten und die Religionen alter Völker, ihre Krankheiten und Fährnisse, aber auch wie sie diese überstanden und erlebt haben; und letztendlich erlauben sie uns einen Blick auf das tägliche Leben und Wirken.

Im Wesentlichen kann man zwei Arten von Mumien unterscheiden: Die künstlich und die natürlich entstandenen Mumien.

Die künstlichen - also die von Menschenhand geschaffenen - Mumien kennt man insbesondere aus Ägypten, aber auch in Indien, Indonesien, in Teilen Afrikas, Australien, Ozeaniens und in Süd- und Mittelamerika wurde die Mumifizierung praktiziert. Aber nur in Ägypten wurde diese Art der Totenbestattung zu einem so festen Bestandteil der Kultur, dass z.B. der eigentliche Beruf des Einbalsamierers und der entsprechende Prozess so natürlich war, dass beides kaum Erwähnung findet in den alten Schriften und Bildern. Im alten Ägypten kannte man den Vorgang des Mumifizierens seit dem 3. Jahrtausend vor Christus. Zuerst wurde der Körper gereinigt und Gehirn, Herz und Eingeweide entfernt. Diese wurden dann später separat beigesetzt. Dann wurde der Leichnam vollständig mit Natron bedeckt und so völlig ausgetrocknet. Hierbei verlor der Körper ungefähr die Hälfte seines Volumens. Was bedeutet, dass Imoteph, gespielt von Boris Karloff in dem Film „ Die Mumie“ im Leben 4 Meter groß gewesen sein muss!

Nach Wochen des Trocknens im Natronbad wurde die Leiche gewaschen und in mit Harz getränkten Binden und Kräuterbündel gepackt, anschließend mit Leinenbinden bandagiert und mit diversen Amuletten und Skarabäen geschmückt. Erst dann wurde die Mumie entsprechend ihrem Rang und sozialer Stellung zur Ruhe gebettet.

Weitere Verfahren der Mumifizierung (Südamerika) sind Trocknen, Räuchern und Salzen des Leichnams, bisweilen wird nur die Haut oder der Kopf aufbewahrt und behandelt. Alle diese Verfahren sind im wesentlichen die Reproduktion und Verfeinerung von natürlichen Prozessen.

In der Natur können verschiedene klimatische Bedingungen oder die chemische Beschaffenheit der Umgebung zu einer Mumifizierung eines Leichnams führen. So führen sehr trockene Gebiete zu einer Austrocknung und damit zu einer Mumifizierung. Ein weiteres Klima sind Gebiete, die einem permanenten Frost ausgesetzt sind. Hier wird der Leichnam durch die Vereisung des Körpers konserviert. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Öztaler Gletschermann, der im September 1991 von einem Urlauberehepaar auf einer Bergwandertour gefunden wurde. Diese Eismumie – man glaubte zunächst an ein Verbrechen oder einen Unfall – sollte sich schon bald als einer der spektakulärsten, archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts entpuppen. Spektakulär deswegen, weil der Öztaler Gletschermann nicht ein mit ausgewählten Grabbeigaben ausgestatteter Verstorberner ist (wie bei Mumien insbesondere den ägyptischen Mumien üblich), sondern ein Unfallopfer, das in Situ mit all seinen Gebrauchsgegenständen an Ort und Stelle verstorben ist. Warum der schwerkranke, alte Mann allein auf den 3200 Meter hohen Hauslabjoch stieg, ob er auf dem Weg ins Ötztal war oder von dort kam - sein Schicksal wird wohl immer im Dunkel der Zeit bleiben. Sein Leichnam erhellt hingegen 5000 Jahre nach seinem Tod die Zeit, in der er lebte. Seine Kleidung, bestehend aus Hosen aus Ziegenfell, sein Obergewand und sein Lendenschurz aus dem selben Material, seine Bärenfellmütze und sein Grasumhang zeigen uns, wie er den Schwierigkeiten seiner Umwelt begegnete. Seine Jagdwaffen und Gerätschaften (Rückentrage, Feuersteindolch und Kupferaxt) sind schon jetzt die Lieblingsspielzeuge der experimentellen Archäologen. Mit nachgebauten Ötziwaffen streifen sie jetzt durch Wald und Flur, um sie auf ihre Funktionalität zu prüfen.

Aber nicht nur seine Kleidung und Gerätschaften geben Aufschluss über seine Zeit, nein, auch seine körperlichen Gebrechen, seine Tätowierungen und selbst sein Mageninhalt sind für die moderne Wissenschaft von nachhaltigem Erkenntnissgehalt. Und so wird der Mann aus den Ötztaler Alpen noch lange durch den sprichwörtlichen Wolf gedreht werden, um auch das kleinste seiner Geheimnisse zu erlangen.

Eine weitere Form der Mumifizierung tritt bei den eisenzeitlichen Moorleichen auf. Sie entstehen nicht durch die klimatischen Bedingungen, sondern ihre Konservierung erfolgt durch Luftabschluss. Begünstigend wirkt sich oft auch die chemische Beschaffenheit des Moores auf den Konservierungsvorgang aus. Die Moorleichen Nordeuropas stammen aus einer Zeit ab 700 v. Chr. bis um die Zeitenwende. Diese Mumien lassen – wie der Ötzi - oft Aussagen über körperliche Konstitution, etwaige Krankheiten oder Verletzungen und (wie bei dem Moormann von Tollund) über den Mageninhalt zu.

Die meisten der bisher 700 gefundenen Moorleichen wurden erst nach ihrem Tode im Moor versenkt und meist handelt es sich dabei um normale Bestattungen. Allerdings hat man auch diverse Moorleichen entdeckt, die einen Strick um den Hals haben und an den Händen und Füssen gefesselt sind. Bei diesen Leichen geht man von verurteilten und bestraften Verbrechern aus. Auch gibt es einige Moorleichen, die möglicherweise die Opfer von Verbrechen und Mord waren und nach der Tat im Moor versteckt worden sind. Einige Fundzusammenhänge lassen sogar die Deutung zu, dass eine Art Menschenopferkult praktiziert worden ist.

Festzuhalten ist also, dass die Mumien, egal aus welcher Epoche sie auch stammen mögen, für die Geschichtsforschung von immenser Wichtigkeit sind. Natürlich sollen die Rollenspieler nicht vor Erfurcht erstarren, wenn ihnen eine unnatürlich belebte Gestalt in einer Grabkammer, in einer dunklen Gruft oder aus einem sumpfigen Moor entgegen wankt. Aber sie sollen sie gewahr sein, welch wissenschaftlich wertvolles Artefakt sie in seine Einzelteile zerlegen, wenn sie beginnen, die Mumie zu bekämpfen.


-th-

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